Der tote Winkel ist der Bereich neben und schräg hinter dem Fahrzeug, den der Fahrer weder im Innenspiegel noch in den Außenspiegeln sieht. Ein Auto, Motorrad oder Fahrrad in diesem Bereich ist für den Fahrer unsichtbar. Richtig eingestellte Spiegel verkleinern den toten Winkel, ausschalten lässt er sich nur mit dem Schulterblick. Beim Spurwechsel, beim Anfahren vom Fahrbahnrand und beim Abbiegen ist dieser Blick deshalb Pflicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Der tote Winkel liegt beim Pkw vor allem seitlich hinten, links und rechts neben dem Heck.
- Außenspiegel richtig einstellen: Die eigene Fahrzeugflanke ist nur noch am inneren Spiegelrand zu sehen.
- Vor jedem Spurwechsel, Abbiegen und Anfahren gehört ein Schulterblick dazu.
- Lkw und Busse haben deutlich größere tote Winkel, besonders rechts neben der Fahrerkabine.
- Abbiegeassistenten sind für neue Lkw in der EU vorgeschrieben, ersetzen aber nicht die Vorsicht.
- Kommt es beim Spurwechsel zum Unfall, haftet in der Regel der Spurwechsler.
Wo der tote Winkel liegt
Jeder Spiegel zeigt nur einen Ausschnitt. Zwischen dem Bild im Außenspiegel und dem, was Sie aus dem Augenwinkel nach vorn und zur Seite sehen, bleibt eine Lücke. In dieser Lücke kann ein ganzes Fahrzeug verschwinden, etwa ein Auto auf der Nachbarspur, das gerade zum Überholen ansetzt, oder ein Motorrad.
Beim Pkw liegt der tote Winkel vor allem links und rechts schräg hinter dem Fahrer. Dazu kommen Bereiche, die durch die Karosserie verdeckt werden: die breiten Dachsäulen, hohe Kopfstützen auf der Rückbank und bei hohen Fahrzeugen wie SUV oder Transporter ein Bereich direkt vor und hinter dem Auto. Dort kann ein Kind unbemerkt stehen.
Wie groß der tote Winkel ist, hängt von Fahrzeug, Spiegelgröße und Sitzposition ab. Er ist bei jedem Fahrzeug anders, und schon eine veränderte Sitzposition verschiebt ihn.
Spiegel richtig einstellen
Viele Fahrer stellen die Außenspiegel so ein, dass sie einen großen Teil der eigenen Fahrzeugseite sehen. Das verschenkt Sichtfeld. Besser ist diese Reihenfolge:
- Zuerst Sitz und Lenkrad einstellen, dann die Spiegel.
- Innenspiegel so ausrichten, dass Sie die gesamte Heckscheibe sehen, ohne den Kopf zu bewegen.
- Außenspiegel horizontal so einstellen, dass die eigene Fahrzeugflanke nur noch als schmaler Streifen am inneren Rand erscheint.
- Außenspiegel vertikal so einstellen, dass der Horizont etwa in der Mitte liegt.
Prüfen lässt sich die Einstellung im Stand oder bei langsamer Fahrt: Ein Fahrzeug, das Sie überholt, sollte im Außenspiegel auftauchen, bevor es aus dem Innenspiegel verschwindet, und im Augenwinkel erscheinen, bevor es den Außenspiegel verlässt. Viele Außenspiegel haben auf der Fahrerseite einen asphärischen Bereich am äußeren Rand, der den toten Winkel weiter verkleinert. Die Entfernung zu Fahrzeugen in diesem Bereich ist allerdings schwerer einzuschätzen.
Der Schulterblick bleibt Pflicht
Auch mit gut eingestellten Spiegeln bleibt ein Restbereich, den Sie nur durch einen kurzen Blick über die Schulter einsehen. Die StVO nennt den Schulterblick nicht wörtlich, verlangt aber für bestimmte Fahrmanöver den höchsten Sorgfaltsmaßstab: Beim Fahrstreifenwechsel (§ 7 Abs. 5 StVO), beim Abbiegen (§ 9 StVO) und beim Anfahren vom Fahrbahnrand (§ 10 StVO) muss eine Gefährdung anderer ausgeschlossen sein. Das gelingt ohne Schulterblick in der Regel nicht.
Der Schulterblick dauert nur einen Moment. Wichtig ist die Reihenfolge: Innenspiegel, Außenspiegel, Blinker, Schulterblick, dann erst lenken. Wer zuerst lenkt und dann schaut, hat die Gefahr bereits geschaffen.
Ein Totwinkelassistent warnt mit einem Lichtsignal im Außenspiegel, wenn sich ein Fahrzeug im toten Winkel befindet. Er ist eine sinnvolle Ergänzung. Die Verantwortung bleibt aber beim Fahrer, und kleine oder schnelle Verkehrsteilnehmer erfassen nicht alle Systeme zuverlässig.
Lkw, Busse und Radfahrer
Am gefährlichsten ist der tote Winkel bei Lkw und Bussen. Der Fahrer sitzt hoch, die Kabine ist breit, und rechts neben dem Fahrzeug liegt ein großer Bereich, der trotz mehrerer Spiegel schwer einzusehen ist. Biegt ein Lkw rechts ab, kann er einen Radfahrer oder Fußgänger übersehen, der neben ihm geradeaus fahren oder gehen will.
Für Lkw gelten deshalb zusätzliche Regeln und Technik:
- Schrittgeschwindigkeit beim Rechtsabbiegen. Kraftfahrzeuge über 3,5 Tonnen müssen innerorts beim Rechtsabbiegen Schrittgeschwindigkeit fahren, wenn mit geradeaus fahrendem Rad- oder Fußverkehr zu rechnen ist (§ 9 Abs. 6 StVO).
- Spiegel. Lkw haben neben den Hauptspiegeln Weitwinkel-, Rampen- und Frontspiegel, die den Nahbereich zeigen.
- Abbiegeassistent. Für neu zugelassene Lkw und Busse schreibt die EU einen Abbiegeassistenten vor.
Als Radfahrer oder Autofahrer schützen Sie sich, indem Sie sich an einer Ampel nicht rechts neben einen Lkw stellen, sondern dahinter warten. Faustregel: Sehen Sie den Fahrer im Spiegel nicht, sieht er Sie auch nicht. Wer einen Lkw rechts überholt oder sich bei stehendem Verkehr neben ihn schiebt, begibt sich in dessen toten Winkel. Wie die Haftung bei einem Unfall mit einem Lkw verteilt wird, erklärt der Beitrag Unfall mit Lkw.
Wenn es zum Unfall kommt
Ein Unfall im toten Winkel passiert meist beim Spurwechsel oder beim Abbiegen. Wer die Spur wechselt, muss eine Gefährdung anderer ausschließen. Kommt es in engem Zusammenhang mit dem Spurwechsel zum Zusammenstoß, spricht der Anscheinsbeweis gegen den Spurwechsler, und er haftet in der Regel allein. Wie Haftungsquoten entstehen, steht im Beitrag Haftungsquote.
Der Hinweis "Ich habe ihn nicht gesehen" entlastet nicht, denn das Übersehen eines Fahrzeugs im toten Winkel ist genau der Fehler, den der Schulterblick verhindern soll. Für die Beweisführung sind Fotos der Endstellung, Zeugen und das Schadensbild wichtig. Ein Kfz-Sachverständiger kann aus Anstoßstellen und Spuren ableiten, in welchem Winkel die Fahrzeuge zusammengestoßen sind.
Weitere Themen zur Vorbeugung, etwa Sicherheitsabstand oder Handy am Steuer, finden Sie in der Übersicht Unfälle vermeiden.
Fragen zum Ablauf nach einem Unfall? Rufen Sie uns kostenfrei an: 0800 730 830 0.
Ist es trotz aller Vorsicht zu einem Unfall gekommen, finden Sie die nötigen Schritte unter Unfall: was tun?.
Häufige Fragen
Wo ist der tote Winkel beim Auto?
Vor allem links und rechts schräg hinter dem Fahrer, zwischen dem Bild im Außenspiegel und dem seitlichen Sichtfeld. Dazu kommen Bereiche, die durch Dachsäulen und Kopfstützen verdeckt werden, bei hohen Fahrzeugen auch direkt vor und hinter dem Auto.
Wie stelle ich die Außenspiegel richtig ein?
Erst Sitz und Lenkrad einstellen, dann die Außenspiegel so drehen, dass die eigene Fahrzeugflanke nur noch als schmaler Streifen am inneren Rand zu sehen ist. Der Horizont sollte etwa in der Spiegelmitte liegen.
Ist der Schulterblick Pflicht?
Die StVO nennt ihn nicht wörtlich. Sie verlangt aber beim Spurwechsel, Abbiegen und Anfahren, dass eine Gefährdung anderer ausgeschlossen ist. Ohne Schulterblick ist das in der Regel nicht möglich, und in der Fahrprüfung gilt ein fehlender Schulterblick als Fehler.
Ersetzt ein Totwinkelassistent den Schulterblick?
Nein. Der Assistent warnt, wenn er ein Fahrzeug im toten Winkel erkennt. Die Verantwortung bleibt beim Fahrer, und nicht jedes System erfasst Radfahrer oder schnelle Motorräder zuverlässig.
Warum ist der tote Winkel beim Lkw so gefährlich?
Der Fahrer sitzt hoch, die Kabine ist breit, und rechts neben dem Fahrzeug liegt ein großer Bereich, den er schwer einsehen kann. Beim Rechtsabbiegen werden dort Radfahrer und Fußgänger übersehen.
Wer haftet bei einem Unfall im toten Winkel?
Beim Spurwechsel in der Regel der Spurwechsler, weil er eine Gefährdung anderer ausschließen muss (§ 7 Abs. 5 StVO). Bleibt ungeklärt, wer die Spur gewechselt hat, teilen Gerichte den Schaden häufig.
Dieser Text ist nicht als verbindliche Rechtsauskunft zu verstehen, sondern enthält die persönliche Meinung des Autors, basierend auf recherchierten Inhalten, Urteilen und Gesetzen zum Thema.